Die Schillerbibliothek im Sommer 2015 nach der Renovierung © Stadtbibliothek Berlin-Mitte

Die Schillerbibliothek in Berlin-Wedding © Stadtbibliothek Berlin-Mitte

Angebote für Flüchtlinge in bezirklichen Bibliotheken

Auf eine Große Anfrage der SPD-Fraktion zu „Angebote für Flüchtlinge in bezirklichen Bibliotheken“ (Drucksache 2407/IV) informierte die Bündnis 90/Grüne Stadträtin Sabine Weißler ausführlich über die zahlreichen Möglichkeiten, die unsere Bibliotheken Flüchtlingen bieten.

  1. Frage: Welche Möglichkeiten sieht das Bezirksamt, dass die bezirklichen Bibliotheken Angebote zum Spracherwerb, zur Leseförderung und Freizeitgestaltung von Flüchtlingen zur Verfügung stellen?
  2. Frage: Welche dieser Möglichkeiten werden, wo, bereits genutzt?

Grundsätzlich sind Öffentliche Bibliotheken gut geeignet, um Asylsuchende beim Spracherwerb, bei der Freizeitgestaltung und bei der Erstorientierung in der Stadt zu unterstützen. Die Stadtbibliothek Mitte bietet bereits heute Medien und Services für Flüchtlinge an, die auch gut genutzt werden. Dazu gehören folgende Maßnahmen:

i. Seit September 2015 können auch Flüchtlinge ohne amtliche Meldebescheinigung einen Leseausweis erhalten und damit Medien entleihen. Der Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) hat als bundesweit erster Bibliotheksverbund eingeführt, dass Asylsuchende, die noch keine amtliche Meldebescheinigung haben, einen Benutzerausweis erhalten und somit in allen Berliner Öffentlichen Bibliotheken Medien entleihen können. Die Vorlage der Aufenthaltsgestattung oder die Unterbringungsbescheinigung der Erstaufnahmestelle reichen als Nachweis. Der Benutzerausweis ist kostenfrei und gilt zunächst drei Monate. Bei Bedarf kann die Gültigkeit um weitere drei Monate verlängert werden. Er gilt für Erwachsene, Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. Bis zum 9.12.2015 haben von diesem Angebot im Bezirk 111 Flüchtlinge Gebrauch gemacht, davon 97 Männer und 14 Frauen.

ii. Die Stadtbibliothek Mitte stellt Medien für die Erstorientierung und für den Spracherwerb zur Verfügung. Sprachkurse, Medien in anderen Sprachen, zwei- und mehrsprachige Medien sowie Titel in Leichter bzw. einfacher Sprache sind aufgrund der Bevölkerungsstruktur des Bezirks selbstverständlicher Bestandteil des Medienangebots der Bibliotheken. Um dem massiv angestiegenen Bedarf durch Geflüchtete Rechnung zu tragen, konnten in diesem Jahr als „Akutmaßnahmen“ zusätzliche Medien über Drittmittel akquiriert werden. Zur gezielten Unterstützung der Flüchtlinge in der Notunterkunft Gotenburger Str. wurden vom QM Soldiner Str. aus dem Aktionsfonds Mittel für Sprachlernmedien in den Muttersprachen der Geflüchteten für die Bibliothek am Luisenbad bereit gestellt. Durch eine Spende des Fördervereins Stadtbibliothek Mitte e.V. konnten 120 neue Sprachkurse, Bildwörterbücher und Spiele für die Bibliotheken mit besonders großer Nachfrage angeschafft werden.

Die Übergabe fand am 24.10.2015 statt und wurde begleitet durch eine Veranstaltung in der Bruno-Lösche-Bibliothek, in der Flüchtlinge von Ihrer Flucht berichteten, moderiert durch Jonas Endrias und unterstützt durch einen Dolmetscher. Um das Medienangebot für die Zielgruppe und für Helferinnen und Helfer besser auffindbar zu machen, sind in allen Bibliotheken „Willkommensregale“ eingerichtet worden. In diesen werden neben den Medien auch begleitende Materialien ausgelegt. Das Medienangebot wird kontinuierlich erweitert. Für das Jahr 2016 sind dafür rund 20.000 EUR aus dem Medienetat der Bibliotheken für die Beschaffung von fremdsprachigen Medien und Deutschlernkursen vorgesehen.

iii. Das kostenfreie W-LAN in den Bibliotheken wird von Flüchtlingen gern genutzt. In allen Bibliotheken ist W-LAN kostenfrei verfügbar. In der Kurt-Tucholsky-Bibliothek wird dies in Kooperation mit dem Moabiter Ratschlag e.V. im Jahr 2016 ebenfalls realisiert. Die Möglichkeit, mit dem Smartphone kostenlos im Internet zu recherchieren und den Kontakt mit Daheimgebliebenen zu nutzen wird intensiv genutzt. In der Schiller-Bibliothek stehen seit der Neueröffnung auch vier Computer mit Headset und Kamera zur Nutzung des Instant-Messaging-Dienstes Skype zur Verfügung, mit dem auch Echtzeit-Videoübetragungen möglich sind. Dieses Angebot soll im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der Stadtbibliothek auch auf andere Standorte ausgedehnt werden.

iv. Flüchtlinge nutzen die Bibliotheken als Lern- und Aufenthaltsort. Mit bis zu 51,5 Wochenöffnungsstunden in der Bezirkszentral- und den Mittelpunktbibliotheken und dem kostenfreien Zugang bieten die Bibliotheksstandorte Flüchtlingen niederschwellige Möglichkeiten zum Lernen und zur Freizeitgestaltung. Genutzt werden die Arbeitsplätze mit und ohne Computer und die Möglichkeit, sich außerhalb der räumlichen Enge der Notunterkünfte zu treffen und zu lernen. So besteht eine Kooperation mit dem Projekt welcomegrooves, das einen kostenfreien Online-Deutschkurs für Anfänger im Internet bereitstellt.

Sechs Lektionen mit nützlichen Wörtern und Sätzen für die Basiskommunikation im Alltag der Flüchtlinge stehen zur Verfügung. Sie können einfach und kostenlos von der Internetseite www.welcomegrooves.de als mp3-File aufs Handy heruntergeladen oder auch direkt an den Computerarbeitsplätzen in der Bibliothek angehört werden. Zusätzlich stehen Kulturtipps zu den Besonderheiten der deutschen Lebensart sowie alle Lektionstexte in Schriftform zum Download bereit – übersetzt in viele Sprachen: neben Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch auch in Serbisch, Bosnisch, Arabisch, Farsi, Tigrinja, Urdu, Somali, Hausa, Kiswahili, Amharisch u. a. mehr. Die 12seitigen Lektionen können in den Bibliotheken von Mitte kostenfrei ausgedruckt werden. Mit dem Ausbau der digitalen Angebote im Verbund der Berliner Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) im Rahmen des Projekts „Digitale Welten“ werden im kommenden Jahr weitere attraktive Angebote hinzukommen, wie z.B. das Portal „Library Press Display“ mit dem Zugriff auf internationale Tages- und Wochenzeitungen, die kostenfrei gelesen werden können.

v. Lese- und Sprachförderung, Bibliothekseinführungen für Willkommensklassen und Lernunterstützung: Lese- und Sprachförderung ist wesentlicher Bestandteil der Basisarbeit der Bibliotheken. Allein bis Ende Oktober 2015 fanden 2.966 Veranstaltungen mit 42.119 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Dabei ist bei Schulklassen, Hort- und Kitagruppen nicht immer zu identifizieren, welches von den Kindern Fluchterfahrungen hat. Bibliotheksführungen gab es in 2015 z.B. in der Bibliothek am Luisenbad für Willkommensklassen der Albert-Gutzmann-Schule und der Wilhelm-Hauff-Grundschule, in der Philipp-Schaeffer-Bibliothek für drei Willkommensklassen aus der Ernst-Reuter-Oberschule, in der Schiller-Bibliothek für zwei Willkommensklassen aus der Ernst-Schering-Oberschule sowie für unbegleitete Jugendliche aus der Unterkunft am Nordufer. Steigender Bedarf muss auch bei der Lernbegleitung zur Unterstützung individuellen Lernens sowie in der Förderung von Medienkompetenz prognostiziert werden.

Nach einer explorativen Studie des Deutschen Kinderhilfswerks spielen Digitale Medien und Kommunikationsmittel wie z.B. das Smartphone bzw. Apps für das Leben und Überleben von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen eine zentrale Rolle, insbesondere während der Flucht und nach der Aufnahme in Deutschland. Während ihrer Flucht dienen Mobiltelefone und soziale Netzwerke vor allem dazu, Fluchtwege zu organisieren, Kontakt mit der Familie aufzunehmen, Notrufe abzusetzen, und relevante Informationen über Fluchtwege durch Nachrichtenaustausch und Navigations-Apps zu erhalten. In Deutschland stehen für sie die Kommunikation mit der Familie, das Erlernen der deutschen Sprache, der Austausch mit Gleichaltrigen und die Information über Nachrichten im Vordergrund. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es neben der Grundausstattung an Digitalen Medien einer die Kinder und Jugendlichen befähigenden Medienbildung bedarf, die über das bloße Bedienen der Geräte hinausgeht. Hier kann die Stadtbibliothek mit ihren Angeboten zur Vermittlung von Medienkompetenz ansetzen. Dazu bedarf es qualifizierten Personals in ausreichender Anzahl. Während die Zahl der Willkommensklassen zunimmt, besteht jedoch die Nachfrage durch reguläre Schulklassen an Angeboten der Leseförderung und Vermittlung von Medienkompetenz weiterhin.

Zugleich befindet sich die Stadtbibliothek weiterhin im Personalabbau zur Erfüllung der VZÄ-Zielzahl. Ein Verdrängungsmechanismus zwischen den Zielgruppen wird befürchtet. Um weitere Angebote machen zu können, bedarf es zusätzlichen Fachpersonals. Die Fachbereichsleitung geht hier von einem Bedarf von ca. 1,5 Vollzeitäquivalenten an ausgebildeten Medienpädagogen aus. Die offene Lernunterstützung bzw. Hausaufgabenhilfe kann derzeit nur temporär im Rahmen drittmittelgeförderter Projekte angeboten werden. Das hat zur Folge, dass keine kontinuierliche Betreuung gewährleistet werden kann. Um dies mindestens an den Standorten Bruno-Lösche-Bibliothek, Schiller-Bibliothek und Bibliothek am Luisenbad als Regelleistung abzusichern wären zusätzlich jährlich rund 27.000 EUR an Honorarmitteln notwendig.

vi. Über die Angebote der Bibliotheken wird über mehrere Kanäle informiert: Die Berliner Öffentlichen Bibliotheken haben zur Information für die Zielgruppe und für Helferinnen und Helfer einen Flyer in sieben Sprachen erstellt, die Flüchtlinge auf die Angebote der Bibliotheken hinweisen. Die Sprachen sind neben Deutsch z.Zt. Englisch, Arabisch, Serbisch, Farsi, Albanisch und Mazedonisch. Die Erstinformationen zur Bibliotheksnutzung liegen in den Sprachen Deutsch, Bosnisch, Englisch, Französisch, Türkisch, Polnisch, Russisch, Spanisch und Arabisch vor. Auf der Webseite der Stadtbibliothek wurde eine eigene Rubrik zur Darstellung der Angebote eingerichtet. Diese beinhaltet auch Links zu Online-Sprachkursen und Wörterbüchern und zum Integrationsbeauftragten des Bezirksamtes. Die Adresse lautet http://www.berlin.de/stadtbibliothek-mitte/angebote/angebote-fuer-fluechtlinge/

  1. Frage: Welche Zusammenarbeit/Kooperation zwischen den Bibliotheken und den Leitungen der bestehenden Unterkunftseinrichtungen findet dazu statt, bzw. sind geplant?

Es bestehen gute Kontakte zum Integrationsbeauftragten und zum Willkommensbüro, die als Schnittstelle und Verteiler wichtige Informationen und Angebote aus den Bibliotheken an die Träger und Unterkunftseinrichtungen kommunizieren. Ein Abstimmungsgespräch zwischen dem Integrationsbeauftragten, der Fachbereichsleitung und den Bibliotheksleitungen hat zuletzt am 10.09.2015 stattgefunden. Ergänzend wird aktuell für das Amt für Weiterbildung und Kultur insgesamt systematisch in Gesprächen und Besuchen bei den Unterkunftseinrichtungen vor Ort der Bedarf an Angeboten des Amtes ermittelt, um diese möglichst passgenau, ressourcenorientiert und zwischen den einzelnen Fachbereichen abgestimmt entwickeln zu können.

In den Sozialräumen gibt es bereits konkrete Beispiele der Zusammenarbeit. Die Bibliotheken sind in ihrem Umfeld gut vernetzt und nehmen regelmäßig an den Regional-AGen teil, in denen die Flüchtlingsthematik in den letzten Monaten immer wieder auf der Tagesordnung stand. Sie besuchen Informationsveranstaltungen und Vernetzungstreffen wie z.B. in Tiergarten Süd am 01.10.15 und 14.10.15, beim Stadtteilplenum Moabit West am 18.08.15 oder der Kiezrunde Moabit Ost am 12.10.15. Es gibt Kontakte zur Leiterin für Bildungsarbeit der Notunterkunft Kruppstraße, die die Bruno-Lösche-Bibliothek im Rahmen des Ausflugsprogramms besucht.

Die Schiller-Bibliothek hat mit dem Verein „Wir gestalten“, der zu den kürzlich im Roten Rathaus ausgezeichneten Initiativen in der Flüchtlingshilfe gehört, Gruppenbesuche in der Bibliothek und die Bereitstellung von Medienkisten für Sprachkurse verabredet. Auch eine erste Gruppe unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge aus der Unterkunft am Nordufer hat die Bibliothek aufgesucht. In der Bibliothek am Luisenbad gibt es Kontakte zu den Notunterkünften Gotenburger Str. und Pankstr., dem Hotel am Luisenbad und Initiativen wie z.B. „Wedding hilft“. In Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement Soldiner Str. und dem Förderverein Stadtbibliothek Mitte e.V. konnten aus Mitteln des Aktionsfonds bereits im April 2015 Sprachlernmedien in den Muttersprachen der Geflüchteten in der Notunterkunft Gotenburger Str. beschafft werden. Die Stadtteilbibliothek Tiergarten Süd hat Kontakte zum AWO Refugium Lützowufer und zum Arbeitskreis Flüchtlingshilfe Tiergarten Süd. Ehrenamtliche dieses Arbeitskreises begleiten regelmäßig Flüchtlingsfamilien aus der Unterkunft in die Bibliothek. Hier werden sie angemeldet, die Bibliothek wird gezeigt, und es wird vorgelesen. Ist der erste Schritt gemacht, kommen die Familien allein in die Bibliothek. Besonders intensive Flüchtlingsarbeit leistet die Kurt-Tucholsky-Bibliothek aufgrund der personellen Unterstützung durch das QM-Projekt „Bildungsmöglichkeiten entdecken in der Kurt-Tucholsky-Bibliothek“ und durch die Vernetzung mit den weiteren Angeboten des Moabiter Ratschlags im Stadtschloss. Im Rahmen des Projektes kommt z.B. eine Willkommensklasse zu wöchentlichen Vorleseterminen in die Bibliothek, eine zweite wird ab Januar dazu kommen. Durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind wöchentliche Lesetermine für die Flüchtlinge im ASB-Heim Alt-Moabit möglich.

Es gibt in der Bibliothek mehrsprachiges Vorlesen im wöchentlichen Wechsel, mindestens einmal im Monat auch in arabischer Sprache. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der beiden Alphabetisierungs- und Deutschkurse im Stadtschloss kamen gleich zu Beginn des Kurses zu einer Bibliothekseinführung. Am 28.11.15 fand in Zusammenarbeit mit dem Moabiter Ratschlag ein interkulturelles Café mit Live-Musik, Bilderbuchkino und mehrsprachigem Lesen statt, an dem 50 Personen teilnahmen. Weitere Kooperationen sollen folgen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das überwiegende Interesse der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner der Stadtbibliothek seitens der Flüchtlinge, der Träger von Einrichtungen und den Helferinnen und Helfern dahingeht, die Flüchtlinge möglichst rasch in die Regelangebote der Bibliotheken zu integrieren und sie zu motivieren, begleitet aus den Unterkünften die Angebote im Stadtraum wahrzunehmen. Dafür sind Öffentliche Bibliotheken geeignete Treffpunkte und niederschwellige Anlaufstellen. Im Hinblick auf die spezifischen Anforderungen an die Bibliotheken und um zu vermeiden, dass Leistungen in Konkurrenz zueinander treten, sind jedoch zusätzliche Ressourcen wie beschrieben notwendig, damit eine zielgruppengerechte Versorgung auch über Einzelprojekte hinaus kontinuierlich sichergestellt werden kann.

Der Prozess dieser Absicherung steht noch ganz am Anfang.

Verwandte Artikel