Die Gewinner des Integrationspreises 2016 Berlin-Mitte: Huckepack und Frau und Herr Ismailovic, Foto: Jenny Neubert/Fraktion

Foto: Jenny Neubert/Fraktion

Integrationspreis 2016 Berlin-Mitte

Tilo Siewer, Foto: Birte Zellentin/Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der BVV-MitteAm 14.07.2016 wurde der Integrationspreis 2016 verliehen an Huckepack, für ihr Zusammenbringen von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und Paten, und Frau und Herrn Ismailovic, für ihre Arbeit mit SchülerInnen aus Roma-Familien. Tilo Siewer, der Vorsitzende des Integrationsausschusses erzählte der BVV und den Gästen mehr über die Projekte:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

„Um ein Kind stark zu machen, braucht es ein ganzes Dorf“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Unsere heutigen Preisträger arbeiten daran, dass das ganze Dorf die Kinder unterstützt.

Herr und Frau Ismailovic helfen Kindern und Jugendlichen aus Roma-Familien, in der Schule Tritt zu fassen. Sie holen Kinder und Jugendliche dort ab, wo sie sie finden, und vermitteln zwischen Familien, Kindern und  Schule. Während ihrer Arbeit besuchen sie die Familien zu Hause und stellen Kontakte her zu Behörden oder zu Projekten, die Unterstützungsangebote speziell für diese Kinder und Jugendlichen anbieten. Sie begleiten die Kinder im Unterricht und sind Ansprechpartner auf Romanes, Bosnisch und Serbisch. Herr Ismailovic spricht zudem Russisch und kann auch tschetschenischen Kindern Hilfestellung leisten. Dank dieser Arbeit haben viele Kinder und Jugendliche aus Roma-Familien in unserem Bezirk einen Schulabschluss erreichen können. Mit ihrer Arbeit haben Herr und Frau Ismailovic bisher über 900 Kinder erreicht. In 75 Familien arbeiten sie intensiv am Bildungserfolg der Kinder mit.

Herr und Frau Ismailovic sind vor 18 Jahren aus Bosnien nach Berlin gekommen. Auch sie haben hier viele negative Erfahrungen gemacht, denen sich Roma nach wie vor ausgesetzt sehen. Und auch am Anfang ihrer Arbeit als Mediatoren schlug ihnen nicht nur Wohlwollen entgegen, sondern sie hatten durchaus mit Vorbehalten von Kolleginnen und Kollegen in der Schule zu kämpfen: Man wollte sie erst nicht in die Schule lassen, sie sollten den Kaffeeautomat nicht benutzen, und man wollte ihnen keine Schlüssel für die Schule aushändigen, obwohl sie diesen für ihre Arbeit benötigen.

Seit 13 Jahren arbeiten sie nun an fünf verschiedenen Schulen im Bezirk: an der Wedding-Schule, der Humboldthaim-Schule, der Willy-Brandt-Oberschule, der Albert-Gutzmann-Schule und der Leo-Leoniie-Schule.

Bevor die Arbeit mit den Kindern beginnt, gibt es zunächst einmal eine Runde mit den Lehrerinnen und Lehrern, und es wird besprochen, welche Probleme es gibt. Herr und Frau Ismailovic versuchen danach, Kontakt zu den Eltern herzustellen, und besuchen sie zu Hause. Seit einiger Zeit arbeiten sie auch viel mit Kindern in Willkommensklassen.

Die beiden können Erfolgsgeschichten dank ihrer Arbeit erzählen: Etwa von einer alleinerziehenden Mutter mit 4 Kindern, die völlig überfordert war. Das Jugendamt wurde hinzugezogen, ohne Erfolg. Sie mussten in einer verschmutzen Unterkunft leben und die Kinder waren schuldistanziert. Frau Ismailovic holte die Kinder jeden Morgen ab, um sie zur Schule zu bringen. Einen Monat lang.

Die Kinder wurden etwas besser in der Schule. Dann erkrankte jedoch die Mutter, und die Großmutter aus Bosnien kam, um sich um die Kinder zu kümmern. Die Schuldistanz der Kinder setzte sich fort, bis es Frau Ismailovic gelang, der Familie eine eigene Wohnung zu besorgen. Von da an setze der Erfolg ihrer einmonatigen Bemühungen ein: Die Wohnung war nicht mehr verwahrlost und die Kinder gingen regelmäßig zur Schule. Die Lehrerinnen und Lehrer verhielten sich sehr kooperativ, und durch die ständigen Hausbesuche von Frau Ismailovic wusste nun auch die Mutter die Bedeutung ihrer Unterstützungsleistungen für ihre Kinder zu schätzen. Vorbilder sind auch für Erziehende wichtig!

Eine andere Geschichte handelt von einem Mädchen aus Bulgarien, das sich im Unterricht nicht zurechtfand, und das Frau Ismailovic ein knappes Vierteljahr mit im Unterricht begleitete. Das Mädchen hatte Angst, vor den anderen als Roma zu gelten. Erst nach zwei Monaten, als eine Schulkameradin im Spielzimmer sagte, dass es eine Roma sei, fasste das Mädchen Vertrauen und sagte: „Weißt Du, Suzana, ich bin auch Zigeunerin!“ Identitätsprobleme blockieren eben nicht selten den Bildungserfolg. Sie zu klären ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein!

Bevor Herr und Frau Ismailovic als Mediatoren an den Weddinger Schulen gearbeitet haben, wurden Roma-Kinder oft auf die damalige Sonderschule geschickt. Aber manchmal fehlte dem Kind nur eine Brille oder ein Hörgerät, um dem Unterricht besser folgen zu können, doch hat sich darum niemand gekümmert.

Antiziganismus ist in unserer Gesellschaft noch immer weit verbreitet. Wir sind daher dankbar, dass Herr und Frau Ismailovic tatkräftig daran arbeiten, Vorurteile nicht nur in Frage zu stellen, sondern sie im tätigen Miteinander mit den Lehrerinnen und Lehrern abzubauen.

Als Sprach- und Kulturmittler sind Herr und Frau Ismailovic inzwischen an den Schulen im Bezirk sehr nachgefragt, denn man hat erkannt, dass ihre Arbeit eine win-win-Situation ermöglicht: für die Kinder und für die Lehrenden und damit auch für uns alle. Deshalb: Wir brauchen mehr Angebote von Sprach- und Kulturmittlern in unseren Schulen!

Ich freue mich daher, dass wir Ihnen in diesem Jahr als Anerkennung für Ihre wertvolle und engagierte Arbeit den Integrationspreis verleihen! Herzlichen Glückwunsch!

Das Projekt Huckepack ist neu. Es kommt selten vor, dass wir als Jury ein neues Projekt für so gut befinden, dass wir ihm bereits nach einem Jahr Arbeit den Integrationspreis verleihen. Aber das Projekt Huckepack hat uns auf Anhieb überzeugt. Und noch mehr: Wir können nicht warten, bis es mehr solcher Projekte in Berlin gibt.

Tausende Kinder und Jugendliche sitzen derzeit in Notunterkünften fest oder warten monatelang auf den Abschluss ihres Clearingverfahrens, um als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge anerkannt zu werden. Ohne ausreichende Betreuung aber ist es für sie schwer, sich in einer ihnen gänzlich fremden Umgebung gut zu entwickeln.

HUCKEPACK vermittelt persönliche Patenschaften für geflüchtete Kinder und Jugendliche.

Als Pate gibt man einem geflüchteten Kind das, was es sich am meisten wünscht, nämlich Zeit, Aufmerksamkeit, Raum zum Spielen und eine Entdeckungsreise durch die neue Heimat. Den Kindern soll so die Chance eröffnet werden, am Leben außerhalb ihrer Unterkunft teilzuhaben; mit anderen Worten, ein Stück ganz normalen Alltag zu erleben und sicherer in ihm zu werden, indem sie neue Koordinaten für ihr Leben hier aufzubauen lernen.

Bisher haben die Akteure von Huckepack, und in diesem Zusammenhang möchte ich besonders Frau Lara Stothfang erwähnen, 10 Patenschaften vermittelt.

Die Kriterien, die Huckepack für die Auswahl von Paten anlegt, sind streng, denn soziale Misserfolge sollen soweit wie möglich ausgeschlossen werden. Die Paten müssen sich verpflichten, dauerhaft mindestens zwei Stunden in der Woche mit dem Kind zu verbringen, Ausflüge zu unternehmen und viel miteinander zu sprechen.

Lara Stothfang hat das Projekt mit Freunden und Bekannten in wenigen Monaten aus dem Boden gestampft. Als Lehrerin an der Wedding-Grundschule kennt sie die Probleme dieser Kinder! Mit ihrem Engagement hat sie viele Menschen begeistern können und die nächsten 10 Patenschaften gehen in Kürze an den Start!

Wenn alle Kinder, die als Geflüchtete zu uns kommen, einen Paten oder eine Patin hätten. Das wär doch was! Nicht nur Eltern und Schule machen ein Kind stark: Dazu braucht es ein ganzes Dorf!

Ich freue mich daher, dass wir dem Projekt Huckepack den Integrationspreis 2016 verleihen, und hoffe auch viele Nachahmer!

Herzlichen Glückwunsch!“

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