BVV gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

Am 30. Januar jährt sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten zum 80. Mal.
Diese einschneidende Zäsur der deutschen und gesamt-europäischen Geschichte stand am Anfang einer Zeit, die geprägt war von Diskriminierung, Unterdrückung und Terror. Schritt für Schritt nahmen sich die Deutschen die Vielfalt, die Freiheit und die Selbstbestimmung, wurden Andersdenkende, Anderslebende und Andersliebende verfolgt und ausgelöscht.
Der Holocaust, die mit Abstand größte menschliche und gesamtgesellschaftliche Tragödie des 20. Jahrhunderts, wird gemeinhin verbunden mit der Vernichtung der jüdischen Mitbürger und der jüdischen Kultur in Deutschland und weiten Teilen Europas. Und doch waren die Opfer der Nationalsozialisten nicht nur in den Reihen der jüdischen Gemeinden zu finden. Kriegsdienstverweigerer und Deserteure, Denker und Künstler, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen und religiöse Minderheiten gehörten ebenso zu den Opfern des braunen Terrors wie politisch Andersdenkende, Homo- und Transsexuelle und Menschen mit ungewöhnlichen Lebensentwürfen.
Der Exodus und die Vernichtung dieser Menschen hat die deutsche Gesellschaft auf Jahrzehnte ärmer an Vielfalt, Kultur und Unbeschwertheit gemacht.
In den vergangenen 68 Jahren hat diese Gesellschaft, zunächst in zwei getrennten politischen Weltordnungen und seit nunmehr fast 24 Jahren auch vereint, eine neue, offenere Identität entwickelt.
Deutschland hat sich mit seinen europäischen Nachbarn ausgesöhnt und viele Dialoge mit den Völkern und Ethnien, bei denen es immer noch in tiefer Schuld steht, geführt. Die Bundesrepublik befindet sich in einem Prozess, in dem das Selbstverständnis als Friedens-Nation angesichts schwerer Konflikte und Menschenrechtsverletzungen in vielen Teilen der Welt täglich neu erarbeitet und abgewogen werden muss. Aber in den letzten Jahren hat auch ein Prozess begonnen, in dem sich eine neue, selbstbewusste nationale Identität Deutschlands herausbildetet. Wenn diese ihren integrativen, statt abgrenzenden Charakter erhält, kann auch diese Entwicklung nur begrüßt werden.
Aber auch im Inneren unserer Gesellschaft hat sich in den vergangen Jahrzehnten ein toleranteres Bild von persönlicher Freiheit entwickelt: interreligiöser Dialog, Akzeptanz und Gleichstellung verschiedenster sexueller Identitäten und Gender, Inklusion von Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Gleichstellung von Menschen unabhängig von Herkunft, Alter und Geschlecht, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, seit 1990 endlich wieder freie demokratische Wahlen auf dem gesamten Bundesgebiet… – viele dieser Prozesse mögen ihren Ursprung in den Erfahrungen der Zeit des Nationalsozialmus‘ haben, und doch ist es Aufgabe und Verantwortung der jetzigen und kommenden Generationen, diese weiter zu führen und den Anforderungen ihrer Zeit anzupassen.
Wir sind noch lange nicht am Ende des Weges angelangt. Noch immer werden wir jeden Tag mit Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Diskriminierung im Alltag konfrontiert. Hier dürfen wir nicht wegschauen. In einer Zeit, in der territoriale Grenzen für uns nahezu aufgelöst werden und die Technik jedes Fleckchen der Erde scheinbar in Sekunden erreichbar macht, dürfen wir nicht zuschauen, wenn außerhalb unseres goldenen Käfig genau das passiert, was wir nur noch aus den Erzählungen unserer Großeltern kennen. (Zivil-) Courage darf für keine Einzelperson, für keinen Staat und für keine Staatengemeinschaft mehr ein Fremdwort sein, weder bei Diskriminierung am Arbeitsplatz, noch in Bezug auf die Krisenherde dieser Welt.
Wegschauen kann tödlich sein, diese schmerzhafte Lehre mussten die Deutschen, aber auch die Großmächte des 20. Jahrhunderts ziehen. Die Opfer des Unrechts des Nationalsozialismus mahnen uns noch heute unseres Erbes: nie wieder dürfen wir wegsehen, wenn Diskriminierung und Intolerenz, sei es im Einzelfall oder in Staatsraison, ihre hässliche Fratze zeigen.
Für eine antirassistische, inklusive und faire Gesellschaft!

Franziska Briest und Marc Urbatsch für die Fraktion

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